Gebot der Rücksichtnahme, der Fairness und des Respekts zu Wildtieren bei Hitze und Trockenheit


In der öffentlichen und mitunter emotional geführten Diskussion hinsichtlich der Verkürzung von Jagdzeiten auf wiederkäuende Huftiere vom 31. Januar auf den 31. Dezember im Zusammenhang mit dem vergangenen Winter wurde bislang nicht einmal ansatzweise über eine Jagdruhe in der Phase der Geburt und der intensivsten Entwicklung von Jungtieren von Mai bis Ende August diskutiert.

Die in den vergangenen Jahren immer wieder anhaltende Trockenheit, die heißen Sommer sowie die zunehmend intensive touristische Nutzung der Lebensräume der Wildtiere bedeuten für diese Stress, Unruhe und Störungen.

Diese Jahreszeit ist neben Geburt und Jungtieraufzucht auch dadurch geprägt, Energiereserven für den Winter und die Brunft aufzubauen.

Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen kein klares Bild hinsichtlich der Raum-Zeit-Nutzung sowie des Aktionsraumes, beispielsweise beim Rotwild, und der Notwendigkeit von Ruhe in diesem Zeitraum.

Aktionsräume in niederschlagsarmen oder durch hohe Temperaturen geprägten Zeiten sind klein und vergleichbar mit denen schneereicher Wintermonate. Die Raum-Zeit-Nutzung steht dabei in Abhängigkeit von den Tagestemperaturen.

Die klimatischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte mit Trockenheit und Hitze sind auch im Norden immer deutlicher wahrnehmbar. Diese Veränderungen führen zu trockeneren und heißeren Frühjahren und Sommern.

In naturnahen Lebensräumen zieht sich beispielsweise Rotwild in der sommerlichen Hitze in kühle und möglichst wassernahe Habitate zurück und bewegt sich wenig, um Energie zu sparen.

Dies ist in unserer dicht besiedelten und intensiv genutzten Kulturlandschaft aufgrund teilweise mangelnder Lebensraumqualität oder Störungen durch den Menschen nur noch eingeschränkt möglich.

Störungen durch landschaftsgebundene touristische Nutzungen, Jagd und ungelenkte Verkehre lösen Stress bei einzelnen Individuen aus und führen zu chronischem Stress bei ganzen Populationen.

Um Wildtiere konfliktarm in unsere Kulturlandschaft zu integrieren, müssen ihnen störungsarme Räume angeboten werden, in denen sie die Zeit von Trockenheit, Hitze und Jungtieraufzucht möglichst ohne Beunruhigung durch den Menschen überstehen können.

Hilfreich wäre ein Mosaik aus Wildruhezonen, die frei von menschlichen Störungen sind.

Ein Instrument hierfür sowie für das grundsätzliche Wildtiermanagement stellt die fachliche, inhaltliche und raumplanerische Auseinandersetzung mit den wildtierökologischen Anforderungen dar. Geeignete Instrumente sind insbesondere die Landschaftsrahmenpläne für großräumige Betrachtungen sowie die kommunalen Flächennutzungsplanungen. Diese bestehenden Planungsinstrumente ermöglichen es, die Ansprüche von Wildtieren und Menschen miteinander zu verknüpfen und gesellschaftliche Ziele zu berücksichtigen.

Neben einer wissensbasierten und fachlich fundierten Betrachtung von Wildruhezonen und Jagdzeiten ist es erforderlich, dass diejenigen, die sich für die Interessen der Wildtiere engagieren, sich umfassender in Prozesse der Raum- und Flächenplanung einbringen, um eine nachhaltige und gesellschaftlich getragene Jagd zu sichern.

Hinsichtlich einer sommerlichen Schonzeit für wiederkäuende Huftiere gibt es in Mecklenburg-Vorpommern Blaupausen, die übernommen werden könnten. So beispielsweise die Nationalpark-Jagdverordnung oder die jagdlichen Regelungen von Verbänden und Stiftungen auf deren Flächen.

Die wildbiologische Notwendigkeit, begleitet von einer offenen und fachlich geführten Diskussion, wird auch durch die Zwischenergebnisse des Projektes „Wild auf Wanderschaft“ des Jagdverbandes Rügen und Hiddensee e.V. deutlich.

Insbesondere an Tagen mit hohen Temperaturen werden störungsarme und deckungsreiche Habitate an Gewässern oder in Bereichen mit hoher Bodenfeuchte vom Rotwild aufgesucht; die Aktivität ist dann gering.

Dem Jagdverband Rügen und Hiddensee e.V. geht es nicht um die Ausbildung von Fronten gegenüber landschaftsgebundenen Nutzergruppen auf unseren Inseln. Es geht um Partnerschaft für unsere Wildtiere und unsere Heimat, die es ermöglicht, die Landschaft zu nutzen, Heimat zu erleben und Wildtiere zu schützen. Dies ist erreichbar, indem alle Beteiligten – von der Jägerschaft über den Tourismus bis hin zur Land- und Forstwirtschaft – Verantwortung übernehmen.

In den für Wildtiere sensiblen Jahreszeiten ist es ein Gebot der Rücksichtnahme, der Fairness und des Respekts, auf ausgewiesenen Wegen zu bleiben, Ruhezonen zu akzeptieren und Nutzungsintensitäten zu verringern. Dies ist ein Grundstein für Wildtiere, Heimat und ein Verständnis für ein gutes Miteinander.