Auf die Jagd übertragen heißt dies: Wer zu spät auf sich verändernde Realitäten einstellt, den bestrafen gesellschaftlicher Wandel und politische Realität.
In der Vergangenheit wurden mitunter Aufsätze, Forderungen und Äußerungen von Lucas v. Bothmer, dem Herausgeber des Überläufers, kritisch betrachtet. Einige dieser reflektieren auch nicht mehrheitlich bestimmte Auffassung von Jagd und deren künftiger Ausrichtung.
Seine Darstellung von Teilen der Jägerschaft, aufbauend auf der aktuellen ARD-Reportage „Schießen, töten, posten: Wie gefährlich ist der neue Jagd-Hype“, trifft in vielem den Punkt und hält uns Jagenden und unseren Vertretern den Spiegel vor.
„Wenn die ARD vor 15 Jahren eine Reportage gebracht hätte, die davor warnt, dass sich jeder empathielose Volltrottel, der eine Platane nicht von einer Pappel unterscheiden kann, nach 21 Tagen an der „Krellschuss Academy“ aufrüsten kann wie ein Wagner-Söldner, wären wir wohl auf die Barrikaden gegangen. Damals war nicht alles perfekt – aber diese Zustände waren die Ausnahme – heute sind sie die Regel.“ L. Bothmer, 30. Juni 2026
Die Reportage der ARD kritisiert „Schnellbesohlungskurse zum Jagdschein“ ebenso wie das gedankenlose mediale Posten, um öffentliche Aufmerksamkeit und Klicks zu erhaschen, ohne sich des Schadens für die Jagd bewusst zu sein. Einer pauschalen Kritik an den Kompaktkursen kann und werde ich mich nicht anschließen, da ich als Zuhörer an einem Kompaktkurs teilgenommen habe und vom Lehrkonzept, der Qualität und der Fachlichkeit überzeugt wurde. Vielmehr ist Jagd davon abhängig, wie sie vorgelebt wird und welche Werte und Moral sowie welchen Kompass vermittelt wird.
Inhaltlich gilt: Wenn wir nicht proaktiv handeln, wird das, was in der ARD-Reportage geäußert wurde, Realität werden. Ein Blick über die Grenze Deutschlands hinaus zeigt, wie jagdliche Realitäten aussehen können, wenn der Jagd das gesellschaftliche Vertrauen und die Kompetenz, à la Niederlande, abgesprochen werden.
Statt die Reportage zu belächeln, ist es längst überfällig, dass unsere organisierte Jagd endlich aus dem Tiefschlaf erwacht und sich von der Vogelstrauß-Rhetorik verabschiedet!
Wenn wir Jagenden den uns anvertrauten Wildtieren und deren Lebensräumen in Zukunft eine wissensbasierte und handelnde Stimme geben wollen und Jagd als gesellschaftliches Ziel mit Mehrwert verstanden werden soll, ist ein „Weiter so“ der gänzlich falsche Weg und eine Sackgasse.
Ein „Weiter so“ bedeutet im schlimmsten Fall, dass das bestehende Jagdrecht gesellschaftlich ganz grundsätzlich hinterfragt wird.
Derzeit besteht noch die Chance und gesellschaftliche Möglichkeit, dass Jagd als Gestalter handelt, wenn wir proaktiv, wissensbasiert und lösungsorientiert auftreten und handeln, wenn wir uns den Themen offen stellen, die die Mehrheit unserer Gesellschaft einfordert.
Vermutlich werden diese Worte zu einem emotionalen Aufschrei in der Jägerschaft und den Verbänden beitragen. Das Überbringen schlechter Nachrichten wirkt immer unsympathisch, und es werden böswillige Absichten unterstellt, auch wenn man nicht für den Inhalt der schlechten Nachricht verantwortlich ist. Den Kopf in den Sand zu stecken, lässt die Realität und die schlechte Nachricht nicht verschwinden.
Eine verbändeinterne Gefälligkeitspolitik, ohne Kritik zu reflektieren, ist nicht der Weg, um Jagd für kommende Generationen zu gestalten. Wir müssen Mut zeigen, auch innerhalb der Verbände, um freiheitliche, bodenständige Jagd mit deren Verpflichtung für alle Wildtiere und Ökosysteme zu leben.
Die Zeit des Vogel Strauß muss endlich und konsequent für die Jagd Geschichte sein. Vorstände müssen gewählt sein, um zum Nutzen einer ideologisch freien Jagd sowie einer den Wildtieren und deren Lebensräumen verpflichteten Jagd zu führen und nicht in der Vergangenheit zu verweilen. Dies bedeutet, ökologischen und wissenschaftlichen Zugewinn, wildbiologische Leitplanken, aber auch technischen Fortschritt zu verknüpfen und dies in einer modernen, aber ethisch und moralisch ausgerichteten Jagd zu leben.
Jagd bedeutet seit Anbeginn der Menschheit Veränderung, Anpassung und immer auch Weiterentwicklung. Nur wenn die Jagd dazu bereit und willens ist, wird sie ihren gesellschaftlichen Mehrwert und ihr Verständnis erhalten. Es ist dabei auch völlig irrelevant, wie sich die politische Farbenlehre herausbildet.
Erfolgt dies durch die Jagd nicht eigenständig, wird Gorbatschow Recht behalten: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“
Jagd benötigt aus sich heraus den Mut, die Erkenntnis und das Verständnis zu Reformen. Es wird Zeit, dass wir handeln und gestalten.
Diese müssen erfolgen mit:
- Sachkundenachweisen für Fallenjagd, Wolfsmanagement, Wildbrethygiene, Wildtierkrankheiten usw.
- verpflichtender Fortbildung für Wildtierökologie, Lebensraumvernetzung, natur- und artenschutzrelevante Schutzgüter, Jagd-, Tier-, Arten- und Naturschutzrecht, Biotopschutz, jagdliches Schießen usw.
- qualifiziertem Schießnachweis als Grundlage zur Teilnahme an Gesellschaftsjagden.
- Qualitätssiegeln/-standard für Jagdschulen und jagdliche, ökologische und wildtierökologische Ausbildungsstätten.
Jagd benötigt Qualität anstatt einer immer weiter ausufernden Quantität, aus der sich eine oberflächliche und nicht den Wildtieren, den Ökosystemen und dem sittlichen Handeln verpflichtete Jagd herausbildet.
Wer weiterhin eine freiheitliche und gesellschaftlich verstandene Jagd einfordert, dem muss bewusst sein, dass Jagd Veränderungen benötigt. Wer sich diesem verweigert, wird Jagd als Instrument der urban bestimmten Gesellschaft und damit der Politik mit deren bürokratischen Auswüchsen bekommen.
Gefahren für die Jagd warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.
